Seit einigen Tagen leben die Astronauten der Artemis-II-Mission wieder abgeschirmt von der Außenwelt und bereiten sich auf einen neuen Versuch vor, erstmals seit mehr als fünfzig Jahren Menschen in Richtung Mond zu schicken. Noch ist offen, ob der geplante Start im April ohne technische Schwierigkeiten gelingt. Sollte dieser Schritt gelingen und in den kommenden Jahren auch wieder eine Landung folgen, rückt unser Sonnensystem erneut als erreichbarer Raum für weitere Expeditionen in den Blick. Den Auftakt dieser gedanklichen Reise bilden heute die beiden innersten Planeten, betrachtet sowohl durch die Linse der Wissenschaft als auch der Literatur.
Der Merkur
Fakten (in aller Kürze)
Der Merkur ist der erste, also sonnennächste Planet im Sonnensystem und eine Welt der Extreme. Merkur ist der kleinste Planet im Sonnensystem und derjenige mit den größten Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht. Die Tagestemperaturen können +430 Grad Celsius erreichen, während die Nachttemperaturen bis auf -170 Grad Celsius runtergehen. Der Merkur hat keine Atmosphäre im herkömmlichen Sinne. Immerhin gehört er wie Venus, Mars, Jupiter und Saturn zu den fünf Planeten, die man von der Erde mit bloßem Auge sehen kann. Der Merkur besitzt keine Monde. Der Fernsehsender ARTE zeigte am 11.8.2018 den interessanten Beitrag „Mission Mars – Europas Raumfahrt zwischen Vision und Realität“, in dem der Regisseur Wolfgang Zündel über die europäische Mission „ExoMars“ berichtet.
Fiktion (mit aller Fantasie)
Der Merkur ist dermaßen unwirtlich, dass sich die meisten Autoren offenbar nicht an Geschichten über ihn herangetraut haben. Es gibt bis auf einige Ausnahmen kaum Erzählungen über oder auf dem Merkur, er spielt in der Geschichtensammlung des Sonnensystems die geringste Rolle. Zu den Ausnahmen gehören eine alte Geschichte von Isaac Asimov aus der Lucky Starr Reihe „Lucky Starr and the Big Sun of Mercury“ (1956, deutsch: „Im Licht der Merkur-Sonne, 1974) sowie das Buch „Mercury“ (2005) von Ben Bova. Asimov erzählt in seinem historischen Roman vom Projekt „Licht“, mit dem die energiehungrige Erde mit Energie vom Merkur versorgt werden soll. Lucky Starr landet auf dem Merkur um die Sabotage an diesem Projekt zu bekämpfen. Bovas Geschichte handelt von dem Versuch eines Industriellen, den Planeten Merkur in eine Basis für interstellare Raumfahrtmissionen durch Terraformung zu verwandeln. Dabei passieren allerlei menschliche Missgeschicke und dann ist da natürlich auch noch ein Geheimnis aufzudecken, nämlich die Frage zu klären, ob auf diesem Planeten mit extrem lebensfeindlichen Bedingungen nicht doch Leben existiert.
Und dann ist da natürlich noch das renommierte Periodikum „Quarber Merkur“ von Franz Rottensteiner, die führende Zeitschrift für die kritische Auseinandersetzung mit der phantastischen Literatur seit dem Jahr 1963. Der Name ist mir nicht genau erklärbar, der Bestandteil „Quarb“ bezieht sich auf einen Ortsteil von Pernitz in Niederösterreich, in dem Franz Rottensteiner gewohnt hat. Vermutlich bezieht sich Rottensteiner mit dem Wortbestandteil „Merkur“ nicht auf den Planeten, sondern auf einen anderen Merkur, die „Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, gegründet 1947“. Lesenswert sind die Jahresbände des „Quarber Merkur“ und für Überraschungen gut noch immer.
Die Venus
Fakten (in aller Kürze)
Die Venus verfügt über eine dichte Atmosphäre bestehend aus Kohlenstoffdioxid und Wolken aus Schwefelsäure. An der Oberfläche herrscht der 90-fache Druck wie auf der Erde. Durch den sich selbst verstärkenden Treibhauseffekt wird eine Temperatur von +450 Grad Celsius auf der Oberfläche erreicht, was alle heute denkbaren Formen von Leben ausschließt. Selbst Metalle wie Blei, Zink oder Zinn würden dort schmelzen. Die Venus besitzt keine Monde.
Fiktion (mit aller Fantasie)
Eines der Meisterwerke der Science-Fiction trägt die Venus im deutschen Titel. „Eine Handvoll Venus“ („The Space Merchants“, 1952, deutsch 2008 Neuausgabe) von Frederik Pohl und Cyril M. Kornbluth ist eine bitterböse Satire auf Konsum und die Manipulation der Konsumenten. Die Werbetexter lügen das Blaue vom Himmel herunter, fantasieren von der Besiedlung der Venus und der Gewinnung unendlicher Ressourcen- und Energiequellen und werben mit dem Slogan: „Wir brauchen die Venus, wir brauchen Raum“. Die Werbung für das Leben auf der Venus verspricht ein neues Lebensglück auf einem neuen Heimatplaneten:
„Es ging um diese Venusrakete, ein dreihundert Meter langes Monstrum, das aufgedunsene Kind der schlanken V-2S und der untersetzten Mondraketen der Vergangenheit.“ (…) „Dieses Schiff wird von einem modernen Kolumbus durch den Weltraum gesteuert“, faselte die Stimme. „Sechseinhalb Millionen Tonnen eingefangener Blitze und Stahl – eine Arche für achtzehnhundert Männer und Frauen, und alles was sie brauchen, um sich eine neue Welt zur Heimat zu machen. Wer wird mitfliegen? Welche glücklichen Pioniere werden dem reichen, frischen Boden einer anderen Welt ein Imperium entreißen? Ich werde sie Ihnen vorstellen – ein Mann und seine Frau, zwei unerschrockene…“[1]
Selbst in dieser im Jahre 1952 geschriebenen Satire gibt es einen Menschen, der den Betrug wittert, und zwar der einzige Raumfahrer, der bislang den Boden der Venus erreicht hatte, Jack O´Shea. Er schildert dem Leiter der Venus-Werbekampagne, dem Erzähler Mitchell Courtenay, die Realitäten auf der Venus:
„Soll ich von der Atmosphäre erzählen? Es gibt freien Formaldehyd, wie Sie wissen – Balsamierungsflüssigkeit. Oder von der Hitze? Sie liegt im Durchschnitt über dem Siedepunkt des Wassers – wenn es überhaupt Wasser auf der Venus gäbe. Und das ist nicht der Fall, wie wir alle wissen. Zumindest ist es nicht zugänglich. Und die Winde? Ich habe eine Geschwindigkeit von fünfhundert Meilen pro Stunde gemessen.“
Fakten müssen einem gigantischen Betrug nicht im Wege stehen, wenn man es richtig anstellt und ein gigantisches Lügengebäude aufbauen kann. Die Autoren singen ein sehr ironisches Loblied auf die Werbeindustrie:
„Er und seine Manager hatten Indien zu einem einzigen gigantischen Kartell organisiert, wo jeder einzelne geflochtene Korb, jeder Iridiumbarren und jede Opiumplatte durch Fowler Schockens Werbung verkauft wurde. Jetzt hatte er dasselbe mit der Venus vor.“
Die Venus steht lediglich als Allegorie für einen gigantischen Betrug der Menschheit durch die Verwendung eines unerreichbaren Ortes, dessen Nutzbarkeit niemand überprüfen kann. Hier wird die Kraft der Science-Fiction deutlich, wenn sie die Grenzen der Wissenschaft überschreitet oder ignoriert, um mit ihren Mitteln eine kulturkritische Erzählung zu gestalten, die nachdenklich macht und aufrütteln soll. „Eine Handvoll Venus“ isteine bemerkenswerte, kulturkritische Erzählung aus dem Jahre 1952, die weit über den üblichen Rahmen der Science-Fiction hinausgeht und in das Spektrum der besten Werke der amerikanischen Kulturgeschichte gehört.
Wiederum ist es Ben Bova, der eine wissenschaftlich geprägte Geschichte über die Venus erzählt. In Ben Bovas Roman „Venus“ (2000) geht es um eine Rettungsmission für einen auf der Venus gestrandeten und getöteten Raumfahrer, Alex Humphries, durch seinen jüngeren Bruder Van und eine andere Crew in einem Wettstreit, den der Vater der Brüder, Martin Humphries, mit einer Prämie von zehn Milliarden Dollar ausgesetzt hat. Probleme und große Entdeckungen sind zu meistern und die beiden gegnerischen Teams müssen sich zusammenschließen. Der jüngere Bruder, von seinem Vater als Weichling verachtet, meistert seine Bewährungsprobe.
[1] Frederik Pohl und Cyril M. Kornbluth: „Eine Handvoll Venus“ („The Space Merchants“, 1952, deutsch 2008 Neuausgabe). Seiten 19, 38, 34 des E-Books von 282 Seiten.
Auszug aus dem Buch „DEMNÄCHST ODER NIE – Reisen zu fremden Welten“ von Fritz Heidorn, Verlag Dieter von Reeken, 2018