Besser um die Zukunft streiten

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Die diesjährige Leipziger Buchmesse erlebte ich, anders als in den vergangenen Jahren, diesmal nur als interessierter Besucher. So blieb viel mehr Zeit, Lesungen und Vorträgen zu lauschen. Besonders angesprochen haben mich einige Veranstaltungen der Klimabuchmesse. Die Buchvorstellung des neuen Hanser-Titels „Besser um die Zukunft streiten“ war dick im Veranstaltungskalender angestrichen.

Erst war ich, ehrlich gesagt, etwas skeptisch. Noch ein Buch zur Klimadebatte? Noch mehr Argumente, noch mehr moralischer Druck? Davon gibt es schließlich genug. Aber ziemlich schnell wurde klar: Dieses Buch will etwas anderes. Mit-Autorin Kirsten Meyer, Professorin für Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität, stand auf der kleinen Bühne der TAZ dem Chefreporter Peter Unfried Rede und Antwort.

Mich hat vor allem angesprochen, dass der schmale Band (keine 140 Seiten) nicht versucht, mir fertige Antworten zu liefern. Stattdessen zeigt er, wie man überhaupt sinnvoll über Klimafragen spricht, denn das ist meines Erachtens ja oft genau das Problem. Die Debatten, die ich mitbekomme (ob online oder im Alltag), laufen erstaunlich oft nach dem gleichen Muster ab: starke Meinungen, wenig Begründung, schnelle Empörung. Genau da setzt das Buch an.

Die fünf Autorinnen und Autoren, Barbara Bleisch, Kirsten Meyer, Stefan Riedener, Dominic Roser und Christian Seidel, nehmen sich diese typischen Sätze vor, die man ständig hört: „Allein kann ich eh nichts bewirken“, „Der Markt wird das schon regeln“, „Die Katastrophe ist sowieso nicht mehr aufzuhalten“ und ganz besonders „Solange Staaten wie die USA oder China so weitermachen, müssen wir hier gar nichts tun“. Ich habe mich dabei mehrfach ertappt gefühlt, weil ich solche Gedanken selbst schon hatte oder zumindest nachvollziehen konnte. Umso interessanter war es zu sehen, wie die Texte diese Aussagen nicht einfach abkanzeln, sondern ernst nehmen. Und dann Schritt für Schritt auseinandernehmen.

Was mir besonders gefallen hat: Der Ton bleibt ruhig und respektvoll. Es geht nicht darum, irgendwen bloßzustellen, sondern darum, Argumente klarer zu machen. Das klingt banal, ist aber erstaunlich selten. Gerade in der Klimadebatte habe ich oft das Gefühl, dass Lautstärke mit Überzeugungskraft verwechselt wird. Dieses Buch hält dagegen, was ich als ziemlich wohltuend empfinde.

Inhaltlich funktioniert das Ganze in kleinen, gut lesbaren Einheiten. Die Kapitel sind kurz, fast schon wie Denkanstöße, die man auch mal zwischendurch lesen kann. Ich mochte das sehr, weil es nicht überfordert, sondern eher dazu einlädt, einzelne Gedanken mitzunehmen und weiterzudenken.

Die vielleicht größte Stärke des Buches: Es macht deutlich, dass Philosophie nichts abgehobenes ist, sondern ziemlich konkret helfen kann, gerade bei großen, komplexen Fragen. Nicht, indem sie einfache Lösungen liefert, sondern indem sie hilft, besser zu unterscheiden, sauberer zu argumentieren und sich nicht mit den erstbesten Parolen zufriedenzugeben.

Ich habe das Buch am Ende weniger als „Ratgeber“ gelesen und mehr als Einladung: genauer hinzuhören, präziser zu denken und Diskussionen nicht sofort eskalieren zu lassen. Das klingt unspektakulär, ist aber wahrscheinlich genau das, was wir gerade brauchen.

Für mich ist „Besser um die Zukunft streiten“ deshalb kein Buch, das man liest und dann weglegt. Es ist eher eines, das die eigene Art zu diskutieren ein kleines Stück verschiebt. Hoffentlich bleibt etwas hängen.

„Besser um die Zukunft streiten“ ist erschienen im Carl Hanser Verlag, 2026

Olaf Zocher