Thomas R.P. Mielke – Der Pflanzen Heiland/ Mingo
Verlagstext der Neuausgabe:
Die Erde anno 2499: Dreihundert Jahre nach der großen Katastrophe reisen die Nachkommen der wenigen Überlebenden durch die menschenleeren Wälder Kareliens. Denn an der Schwelle zum neuen Jahrhundert soll am Baikalsee, dem „Heiligen Auge Sibiriens“, ein neuer Messias auftauchen, der den Menschen zeigt, wie Leben entsteht, ohne anderes Leben zu vernichten. Doch statt Mingo, den Pflanzen-Heiland zu erkennen, verfolgen sie ihn – bis der Baum in Menschengestalt plötzlich blüht.

Der Roman spielt 2499 in einer weitgehend entvölkerten Welt. Die Menschheit hat große Teile der Erde zerstört. Ganze Regionen sind verlassen und atomar verseucht. Aus den Wäldern Kareliens brechen drei ungleiche Gefährten auf: der geheimnisvolle Mingo von Quedlinburg, ein namenloser Junge und ein Hund namens Herr Hund. Ihr Ziel ist Irkutsk am Baikalsee, wo in der letzten Metropole der Erde das Konzil tagen soll. Es ist die letzte Hoffnung auf einen geordneten Neuanfang der Menschheit. Eine messianische Figur soll einen Weg weisen, wie neues Leben entstehen kann, ohne Bestehendes zu opfern.
Die Reise führt das Trio durch Überreste der alten Zivilisation. Sie begegnen Menschen, die unterschiedlich auf den ökologischen Kollaps reagieren, von technikgläubigen Rückkehrern bis zu Restgruppen der Menschheit, die das Harmagedon überstanden haben. Dabei tritt Mingos besondere Gabe immer deutlicher zutage: Er vermittelt zwischen der menschlichen und der pflanzlichen Welt und wird so zum Träger einer Hoffnung auf das Wiedererwachen alten Pflanzenwissens.
Für den namenlosen Jungen ist die Reise zugleich eine Initiation. Er lernt, die zerstörte Welt zu begreifen, Verantwortung zu übernehmen und einer anderen Vision von Leben zu vertrauen. Am Baikalsee erreicht die Handlung ihren Höhepunkt. Die Begegnung mit dem „Pflanzen Heiland“ offenbart ein neues, symbiotisches Miteinander: eine Welt, in der Mensch und Pflanze nicht länger als Gegensätze gelten, sondern als Teile eines gemeinsamen Lebensraums.

Thomas R.P. Mielkes „Der Pflanzen Heiland“ (Heyne 1981, neu aufgelegt als „Mingo“ bei Bastei 1991) ist für mich einer dieser Romane, die man einmal liest und dann nicht mehr vergisst. Das liegt weniger an der Handlung im engeren Sinn, sondern vor allem am Setting: das Jahr 2499, eine trotz Wiederbesiedlung größtenteils entvölkerte Erde, der Mikrokosmos an Bord des Schienenschiffs, der weite Weg nach Irkutsk am Baikalsee. Eine zerstörte Welt, in der gerade deshalb neue Möglichkeiten aufscheinen. Schon bei meiner ersten Lektüre ist Irkutsk mit dem Baikalsee zu einem meiner persönlichen Sehnsuchtsorte geworden: ein Punkt auf der Landkarte im Diercke Schulatlas, an dem sich Endzeit, Aufbruch und Hoffnung kreuzen.
Umso bitterer ist es, dass dieser Ort heute, durch den russischen Angriff auf die Ukraine und die daraus resultierenden Reiseschwierigkeiten nach Russland, in weite Ferne gerückt ist. Ausgerechnet jener reale Schauplatz, der in Mielkes Roman als Projektionsfläche für eine andere, friedlichere, „heilende“ Zukunft dient, ist aktuell kaum erreichbar. Das verleiht der Lektüre im Rückblick eine zusätzliche Melancholie: Die Utopie, die im Buch in der Zukunft verortet ist, wirkt im Hier und Jetzt geographisch und politisch weiter entfernt denn je.
Mich überzeugt an „Der Pflanze Heiland“ bis heute, dass der Roman trotz seines deutlich mythisch-mystischen Einschlags erstaunlich klar in einer Traditionslinie früher „grüner“ Science Fiction der Bundesrepublik steht. Die ökologischen Verwüstungen sind nicht bloß Kulisse, sondern das eigentliche Konfliktfeld, auf dem sich alles entscheidet: Wie kann Leben weiterbestehen, ohne anderes Leben zu vernichten? Mielke verpackt diese Frage nicht in technologische Lösungen, sondern in Figuren, Bilder und Rituale. Er trifft damit einen Ton, der sich von der damaligen Mainstream-SF wohltuend absetzt.
Gerade in dieser Mischung aus Endzeitstimmung, Spiritualität und sehr konkreter Umweltangst liegt für mich die Stärke des Romans. Er wirkt teils wie ein früher literarischer Vorläufer dessen, was wir heute als Climate Fiction bezeichnen würden, nur dass er die ökologische Frage enger mit Mythen, Erlösungsmotiven und einer fast naiven Aufmerksamkeit für Pflanzen verknüpft. Dass dieses „grüne“ Narrativ aus der alten Bundesrepublik stammt und zugleich so merkwürdig zeitlos wirkt, macht „Der Pflanzen Heiland“ für mich zu einem jener Bücher, zu denen man immer wieder zurückkehren kann. Zumindest im Kopf, wenn schon nicht mit dem Schienenschiff nach Irkutsk.
Olaf Zocher