Der Mars
Fakten (in aller Kürze)
Der Mars war bereits vor Jahrhunderten ein beliebtes Ziel der frühen Astronomen für die Erkundung mit den ersten Fernrohren und Teleskopen. Der holländische Brillenmacher Hans Lipperhey hat das Galilei-Fernrohr, auch holländisches Fernrohr genannt, im Jahre 1608 erfunden. Es war ein Linsenfernrohr, auch Refraktor genannt, ein Instrument, bei dem eine konvexe Sammellinse als Objektiv dient und eine Zerstreuungslinse mit kleinerer Brennweite als Objektiv. Durch dieses Fernrohr erscheinen weit entfernte Objekte um ein Vielfaches näher oder vergrößert. Galileo Galilei hat die Erfindung von Hans Lipperhey weiter entwickelt, stellte es am 25. August 1609 der venezianischen Regierung vor und nutzte es als einer der ersten Menschen zur Himmelsbeobachtung. Galilei revolutionierte dadurch die Astronomie und stellte fest, dass die Oberfläche des Mondes rau und uneben ist, dass die dunkle Partie der Mondoberfläche von der Erde aufgehellt wird, dass die Planeten im Gegensatz zu den Fixsternen als Scheiben zu sehen sind und er entdeckte die vier größten Monde des Jupiter, die heute als Galileischen Monde bezeichnet werden.

Im Jahre 1877 glaubte der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli durch sein Fernrohr auf dem Mars Kanäle zu erkennen. Er entfachte mit dieser (falschen) Entdeckung die Phantasie seiner Mitmenschen, die dies als Beleg für die Existenz intelligenter Lebewesen auf dem Mars annahmen. H.G. Wells war es dann, der daraus mit dem Roman „Krieg der Welten“ (1898) eine phantasievolle Abenteuergeschichte machte, die fortan als eines der frühen Werke der Science-Fiction Literatur ganze Generationen von Schriftstellern inspirierte, die den Kampf der Menschheit mit den Aliens in Szene gesetzt haben. Ray Bradbury schilderte in seinem Meisterwerk „Die Mars-Chroniken“ (1950) eine ganz andere Phantasie über das Leben auf dem Mars, nämlich die Spiegelung der Sehnsüchte der Menschen, während Kim Stanley Robinson in seiner berühmten Mars-Trilogie „Roter Mars“ (1997), „Grüner Mars“ (1997) und „Blauer Mars“ (1999) die technische Seite der Terraformung des Mars und die ökologische und die gesellschaftliche Seite der Mars-Besiedlung durch die Menschen thematisierte.
Im Jahre 2018 verfügt die Menschheit über ziemlich gute Erkundungsergebnisse des Mars, unter anderem durch die überaus erfolgreiche und immer wieder verlängerte Mission des Mars-Rovers „Curiosity“. Dieser Roboter führt seit seiner Landung auf dem Mars im Jahre 2012 Untersuchungen durch und sammelt wissenschaftliche Daten, die darauf hindeuten, dass die Marsoberfläche vor 3,5 Milliarden Jahren völlig anders aussah als heute. Es gilt als sicher, dass dort seinerzeit fließendes Wasser vorhanden war und lebensfreundliche Bedingungen herrschten, die zumindest mikroskopisch kleine Lebewesen hervorgebracht haben könnten, die eventuell noch immer in tiefen Bodenschichten existieren. „Curiosity“ hat bislang mehr als 18 Kilometer auf dem Marsboden zurückgelegt und den Gesteinuntergrund erkundet. An Bord sind 17 Kameras, mehrere Spektrometer, verschiedene Wettermessgeräte und zwei Miniaturlaboratorien[1]. „Curiosity“ fand ungewöhnliche Silikatminerale namens Tridymit, die auf der Erde nur von Vulkanausbrüchen bekannt sind, Hämatit, ein Eisenoxid, das unter feuchten Bedingungen entsteht, sowie organische Moleküle wie Chlorbenzol. Insgesamt gesehen werten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Forschungsergebnisse vom Marsboden dergestalt aus, dass „lange genug eine feuchte und chemisch stabile Umgebung, um grundsätzlich Leben zu ermöglichen[2]„, vorhanden war. Die intelligenten oder gar kriegerischen Marsbewohner bleiben also eine reine Fiktion, aber die Untersuchung der Frage, ob jemals Leben in irgendeiner Form auf dem Mars existiert hat und was die Umweltbedingungen so dramatisch verändert hat, dass der Mars seine Atmosphäre und seine Lebensumwelten verloren hat, bleibt offen und spannend. Hoffentlich ist der Mars nicht ein schlechtes Vorbild für die drohende Klimakatastrophe auf der Erde der Gegenwart.
Der Rote Planet ist der vierte Planet in unserem Sonnensystem. Der Mars verfügt über eine dünne Atmosphäre von durchschnittlich sechs Millibar Druck, was weniger als einem Prozent des durchschnittlichen Atmosphärendrucks auf der Erde von 1013 mbar entspricht. Die Marsatmosphäre besteht zu 95% aus Kohlenstoffdioxid, zu jeweils knapp 2% aus Stickstoff und Argon und zu jeweils weniger als 1% aus Sauerstoff und Kohlenstoffmonoxid. Dem Mars fehlt ein selbsterzeugtes Magnetfeld, was vermutlich der Grund dafür ist, dass die Atmosphäre derart dünn ist. An den Polkappen des Mars sind in den letzten Jahren Eiskappen nachgewiesen worden, es ist also Wasser vorhanden. Die Temperaturen an der Marsoberfläche variieren stark: sie steigen im Sommer in Äquatornähe bis auf +27 Grad Celsius an, während die Temperatur in der winterlichen Polarnacht auf bis zu -133 Grad Celsius abfallen kann. Die Tagesdurchschnittstemperaturen auf der Marsoberfläche liegen bei -60 Grad Celsius. Der Mars besitzt zwei Monde, Phobos und Deimos.
Der Mars ist seit Jahrzehnten bereits gut aus der Ferne erforscht worden und wird seit dem Jahre 2003 auch direkt durch Roboterfahrzeuge auf dem Marsboden untersucht. Seit Jahren fährt immer noch einer der beiden amerikanischen Rover, „Opportunity,“ auf dem Mars und liefert klare Bilder und chemische Untersuchungsergebnisse an die NASA. Der andere Rover, „Spirit“, blieb 2009 im Sand stecken und reagierte später nicht mehr auf Kommunikationssignale. „Opportunity“, am 7. Juli 2003 gestartet, versieht noch im Mai 2018 seinen Dienst auf der Marsoberfläche und bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 43 cm pro Stunde fort, was einem Siebtel der Geschwindigkeit einer Weinbergschnecke entspricht. Nah elf Jahren und zwei Monaten hatte „Opportunity“ bereits über 42 Kilometer auf dem Mars zurückgelegt. Eigentlich war für die Rover eine Funktionsdauer von drei Monaten geplant, nun sind es bei „Opportunity“ schon fünfzehn Jahre geworden.
Auch die europäisch-russische Mission „ExoMars“, die aus 400 km Höhe (die gleiche Umlaufhöhe über dem Mars wie die ISS über der Erde) Hinweise auf geologische oder biologische Aktivitäten auf dem Mars geben soll, sendet spektakuläre Fotos an das Satellitenkontrollzentrum der ESA in Darmstadt. Ende April 2018 schickte die Marssonde Fotos von einer 40km langen (Wasser-)Eisfläche an einem Kraterrand auf der Nordhalbkugel an das Kontrollzentrum[3]. Wasser auf dem Mars, das nährt Spekulationen über das mögliche Vorhandensein biologischer Prozesse auf dem Roten Planeten. Und am 25. Juli 2018 macht die sensationelle Entdeckung eines Wasser-Sees auf dem Mars die Runde in den Medien[4]. Ein See mit flüssigem Wasser ca. 1,5 Kilometer unter dem Eis des Mars- Südpols und 20 Kilometer breit, wie ein Team um Roberto Orosei vom italienischen Nationalen Institut für Astrophysik in Bologna im US-Fachblatt Science berichtet. Dies ist der erste direkte Nachweis von flüssigem Wasser auf dem Mars, nachgewiesen durch die Messergebnisse eines hoch spezialisierten Radargeräts an Bord der ESA-Sonde „Mars Express“, die den Planeten seit dem 25. Dezember 2003 umkreist. Der Wassersee liegt in einer Region am Südpol des Mars, die „Planum Australe“ genannt wird. Der Wassersee liegt unter gefrorenen Eisschichten. Davon haben die Forscher bereits große Mengen entdeckt. In der Kruste des Mars wurden mehr als fünf Millionen Kubikmeter Eis gefunden, die, wenn sie sich verflüssigten, den gesamten Planeten 35 Meter hoch unter Wasser setzen würden[5].
Damit ist die jahrzehntelange Debatte um die Frage, ob es flüssiges Wasser auf dem Mars gegeben habe oder heute noch gibt, beendet und die neue Diskussion wiederbelebt nach Leben auf dem Mars, denn Wasser ist die Voraussetzung für die Existenz von Leben, wie wir Menschen es kennen. Wieder diskutiert wird damit auch die Frage nach zukünftigen Bedingungen für den Aufbau einer menschlichen Wohnstätte auf dem Mars, denn die Existenz von Wasser würde eine Besiedlung durch den Menschen enorm vereinfachen.
Im Jahre 2018 gibt es gute, wunderbar illustrierte Sachbücher über den Forschungsstand zur Erkundung des Mars, wie beispielsweise das von Giles Sparrow: „Mars – Der Rote Planet zum Greifen nah.“, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH, Stuttgart 2015, oder das etwas futuristische Buch „Mars – Wie wir den Roten Planeten besiedelten“ von Leonard David, National Geographic, München 2017. Viel früher hatte bereits Arthur C. Clarke eine Art technischer Planungsutopie zur Besiedlung des Mars vorgelegt: Arthur C. Clarke: „The Snows of Olympus. A Garden on Mars. The illustrated story of man´s colonization of Mars.“ Victor Gollancz Ltd, London 1994. In diesen Büchern werden die aktuelle Wirklichkeit der Marsforschung und die leicht in die Zukunft versetzten Wunschträume zur Marsbesiedlung beschrieben. Wer im Jahre 2018 mehr über die tatsächlichen und realen Pläne für eine Flug von Menschen zum Mars wissen möchte, sollte am besten bei SpaceX nachsehen, der Raumfahrt-Firma von Elon Musk:
„Our aspirational goal is to send our first cargo mission to Mars in 2022. The objectives for the first mission will be to confirm water resources and identify hazards along with putting in place initial power, mining, and life support infrastructure. A second mission, with both cargo and crew, is targeted for 2024, with primary objectives of building a propellant depot and preparing for future crew flights. The ships from these initial missions will also serve as the beginnings of our first Mars base, from which we can build a thriving city and eventually a self-sustaining civilization on Mars[6].“
Die letzte Forschungsmission der NASA startete am 5. Mai 2018. Die Sonde „Insight“, eine sechs Meter lange und 700 Kilogramm schwere Landesonde, soll Ende November 2018 sanft auf dem Mars landen und das Innere des Marsbodens erforschen. Eines der Hauptinstrumente ist am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelt worden. Es trägt den Namen „Maulwurf“ und ist ein Schlagbohrer, der sich mit etwa 10.000 Schlägen bis zu einer Tiefe von fünf Metern in den Marsboden einbohren wird, um neue Erkenntnisse zur geophysikalischen Struktur zu gewinnen. In den nächsten zwei Jahren werden so die Temperatur und die Wärmeleitfähigkeit in unterschiedlichen Tiefen gemessen werden. Das zweite Hauptinstrument von „Insight“ ist ein in Frankreich entwickeltes Seismometer, das kleinste Erschütterungen registrieren kann, beispielsweise verursacht durch Felsverschiebungen oder Meteoriteneinschläge. Voraussetzung für das ganze Unternehmen ist natürlich, dass die sanfte Landung gelingt, denn das ist nicht selbstverständlich. Ungefähr die Hälfte aller Landeversuche auf dem Mars ist gescheitert, in den letzten Jahrzehnten gab es ungefähr zehn erfolgreiche Touchdowns.
Fiktion (mit aller Fantasie)
Der Mars ist der nächste Sehnsuchtsort für die Raumfahrt und es bleibt spannend, welches Konsortium aus staatlichen und privaten Unternehmen die Erstlandung von Menschen realisieren und wann dieses Ereignis tatsächlich stattfinden wird. Sicherlich nicht vor Ende der 2020er Jahre, denn die Prognose von Elon Musk ist wohl eher Wunschdenken. Allein der Flug zum Mars ist schon ein Abenteuer, wie dies beispielsweise in dem Film „Mission to Mars“ (2000) von Brian De Palma dargestellt wird, der trotz erheblicher Schwächen immerhin einige mögliche Probleme des Raumfluges zum Roten Planeten nachvollziehbar und spannend anzuschauen thematisiert. Die Schwierigkeit, vom Mars wieder wegzukommen, ist am besten in dem Buch und dem gleichnamigen Film „Der Marsianer“ (Buch: 2011, Film: 2015) von Andy Weir behandelt worden, beide sind zum aktuellen Kultobjekt für das allgemeine Interesse am Mars geworden. Die intensivste Beschäftigung mit unterschiedlichen Problemen der Kolonialisierung des Mars, technisch, gesellschaftlich, politisch, sozial betrachtet, ist von Kim Stanley Robinson in seiner Marstrilogie geleistet worden. „Red Mars“ (1993), „Green Mars“ (1994) und „Blue Mars“ (1996)) sind nach wie vor die Standarderzählungen über den Mars. In Robinsons Erzählungen landen einhundert Kolonisten im Jahre 2027 auf dem Mars und beginnen mit der Besiedlung. Im ersten Band, dem roten Mars, stehen technische Aspekte im Vordergrund, während es im zweiten Band, dem grünen Mars, um ökologische Konflikte geht. Der dritte Band, der blaue Mars, behandelt soziale Probleme einer überalterten Aristokratie. Robinson veröffentlichte mit der Kurzgeschichtensammlung „Die Marsianer“ (1999) dann noch weitere Informationen über die handelnden Personen und die Themen der Marskolonialisierung.

Science-Fiction Romane über den Mars gehören zum traditionellen Erbe des Genres. Sie behandeln am Anfang ihrer Geschichte den Krieg zwischen Menschen und Außerirdischen, wie zum Beispiel in „Krieg der Welten“, englisch: The War of the Worlds, 1898, von H.G. Wells, das auch die Grundlage bildete für das berühmte Hörspiel von Orson Welles, welches vom Radiosender CBS in den USA am 30. Oktober 1938 ausgestrahlt wurde und zu einer Massenhysterie führte, wie einige Medien seinerzeit berichteten. Von der heutigen Kommunikationsforschung wird dies allerdings als weit übertrieben bewertet. Die von den Bakterien der Erde besiegten Marsianer in dem Buch von Wells kommen zurück in der Erzählung „The Massacre of Mankind“ (2017), das Stephen Baxter mit der Autorisierung des HG Wells Estate geschrieben hat. Den größten Bekanntheitsgrad zum Thema Mars erreichte Ray Bradbury mit seinen „Mars-Chroniken“ (The Martian Chronicles, 1950), einer Sammlung von Kurzgeschichten. Das Buch von Bradbury erschien lange vor der Trilogie von Kim Stanley Robinson und wird als erstes SF-Standardwerk über den Mars betrachtet. In den Kurzgeschichten erzählt der Autor von der Kolonialisierung des Mars zwischen 1999 und 2026 und den Folgeproblemen der Auswanderung bis zu den letzten Überlebenden eines Atomkriegs auf der Erde, die auf dem Mars eine neue Zuflucht finden. Bradburys Erzählstränge weisen deutliche Bezüge zur historischen Kolonialisierung Amerikas nach der Entdeckung durch Christopher Kolumbus im Jahre 1492 auf.
Ben Bova hat in seiner „Grand Tour“ durch das Sonnensystem zunächst ein einzelnes Buch vorgelegt, das „Mars“ (1992) heißt und in dem erzählt wird, wie die Geologen um den von den Navajos abstammenden Jamie Waterman Spuren von Leben auf dem Roten Planeten zu finden versuchen und wie die kulturellen Unterschiede im Team und die politischen Intrigen auf der Erde die Mission fast zum Scheitern bringen. Die sechs Männer und Frauen machen sich zur Spitze des Mons Olympus und zum Grunde des Valles Marineris auf und sind dabei auf sich allein gestellt. Bova erzählt hier wunderbare Abenteuergeschichten von interessanten Charakteren in einer unwirtlichen Umgebung und präsentiert überraschende Wendungen bis zum Schluss. In den zwei Folgebänden „Return to Mars“ (1999) und „Mars Life“ (2008) wird die Rückkehr zum Mars durch den Milliardär Dex Trumball (sieht man hier Analogien zu dem Bemühen von Elon Musk, mit seinem Unternehmen SpaceX zum Mars zu fliegen?) finanziert, allerdings mit einer anderen Agenda im Hinterkopf, als der wissenschaftsorientierten von Jamie Waterman. Dex Trumball will Weltraumtouristen für den Mars begeistern. Obendrein verlieben sich beide in dieselbe Frau im Expeditionsteam, was ihren Auseinandersetzungen eine thematische und persönliche Note verleiht. Im dritten Band beschreibt Ben Bova interessante politisch-religiöse Veränderungen auf der Erde, die das Mars-Programm beeinflussen. Die sogenannte „New Morality“, eine christliche Fundamentalisten-Vereinigung, hat die Regierungsgewalt übernommen und will die Finanzierungsquellen für den Mars zur Erde zurück lenken, um die dortigen Umweltprobleme zu lösen. Watermann und Trumball verbünden sich für eine Mars-Mission unter Zeitdruck, allerdings mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Während Watermann die Kultur auf dem Mars retten will, möchte Trumball den Mars für reiche Touristen öffnen. Sie machen auf dem Mars eine Entdeckung, die alles verändert: ein Dorf, Relikte und eine Begräbnisstätte, die auf eine uralte intelligente Spezies von Marsbewohnern hindeuten.
Für diejenigen, die sich spielerisch mit der Besiedlung des Mars auseinandersetzen möchten, gibt es die Möglichkeit, sich in dem Computer-Video-Spiel „Surviving Mars“ (2018, Steam) auf den Roten Planeten zu versetzen und verschiedene Szenarien der Kolonisation durch Menschen durchzuspielen und die dabei auftretenden Probleme zu lösen.
Terraforming Mars
Wenn die Menschen selbst den Roten Planeten demnächst erreichen sollten, wird es vordringlich um die Frage gehen, wie sie dort in der heute lebensfeindlichen Umwelt des Mars werden überleben können. Zunächst werden die Expeditionen Basisstationen erreichten müssen, die ihre Mitglieder mit dem Lebensnotwendigsten versorgen können: Atemluft, Wasser, Nahrung, Schutz vor Kälte, Hitze, Strahlung und anderen Umwelteinflüssen. Ein kurzfristiger Aufenthalt auf dem Mars wird, ähnlich wie die kurzen Besuche der Apollo-Astronauten auf dem Mond, technisch gesehen möglich sein. Ganz anders stellt sich die Situation dar, wenn es um ein längerfristiges Überleben oder gar dauerhaftes Leben auf dem Mars geht. Dann müssten riesige Infrastrukturprojekte in Gang gesetzt werden, die enorme Summen an Material, Energie und Geld schlucken würden. Für die dauerhafte Anwesenheit von Menschen auf dem Mars müssten nicht nur technische Fragen geklärt werden, sondern psychische, gesundheitliche, soziologische und politische Probleme von Menschen und Gruppen in lebensfeindlichen Einschließungen gelöst werden, zu denen es heute nur rudimentäre Erfahrungen gibt. Für Langzeit-Raumflüge oder gar die Besiedlung anderer Planeten verfügt die Menschheit lediglich über Annahmen und Fiktionen.
Für einen längeren Zeitraum gedacht hieße es, die Umwelt des Planeten nach den Wünschen der Menschen zu verändern, zu terraformen, also der Umwelt der Erde anzugleichen. Eine Urbarmachung des Mars bedeutet die Neugestaltung des Klimas und der Oberfläche in einer Art und Weise, dass Menschen dort werden leben und atmen können. Dies bezeichnet der Begriff „Terraforming“. Drei Komponenten sind überlebenswichtig für die Menschen auf dem Mars: flüssiges Wasser muss verfügbar sein, atembarer Sauerstoff muss in einem Gasgemisch der Atmosphäre vorhanden sein, das Klima und die Wetterverhältnisse sollen erträglich sein. Es gibt Überlegungen, das Klima durch die Freisetzung von Super-Treibhausgasen derart zu verändern, sodass ein Treibhauseffekt eintritt, der für die Erwärmung des Planeten sorgt. Hier werden also die negativen Erfahrungen der Menschheit mit dem anthropogenen Klimawandel auf der Erde für die Neugestaltung eines ganzen Planeten ausgewertet und in ein Planungsinstrumentarium für Umweltveränderungen umgesetzt.
Ziel ist die Schaffung einer dichten und warmen Atmosphäre, in der dort eingebrachte fotosynthetisch aktive Organismen gedeihen und sich vermehren könnten. Diese Biomasse würde die Nitrate und Perchlorate des Marsbodens verbrauchen und auf diese Weise Stickstoff und Sauerstoff erzeugen. In einem Zeitraum von hundert Jahren würde durch diesen Prozess der Erwärmung fließendes Wasser aus den Eisschichten am Südpol des Mars freigesetzt werden und Flüsse und Seen würden entstehen und einen Wasserkreislauf auf dem Mars in Gang setzen. Die zweite Phase der Terraformung des Mars dauert wesentlich länger, ungefähr einhunderttausend Jahre. In diesem Zeitraum soll die Atmosphäre des Mars mit atembarem Sauerstoff von 13 Prozent angereichert werden und der Gehalt an Kohlenstoffdioxid auf unter 1% gedrückt werden. Diese Phase könnte mit Pflanzenkeimversuchen auf Roboterlandegeräten beginnen. Terraformung ist ein Mehrgenerationenprojekt und aus diesem Grund schlagen manche Wissenschaftler auf der Erde vor, zunächst bestimmte Gebiete des Planeten Mars für Terraformungs-Experimente auszuwählen und mit einem Netzwerk von Parks zu beginnen, ähnlich wie die Verbundsysteme von Nationalparks auf der Erde dazu dienen, die Natur zu schützen. Diese Ideen erscheinen durchdacht und möglich zu sein und sind in einem schön illustrierten Buch dargestellt worden, als wären sie bereits geschehen: Leonard David: Mars – Wie wir den roten Planeten besiedelten (Mars – Our Future on the Red Planet, 2016, National Geographic Partners, LLC. Deutsche Ausgabe München 2017).
Die Ideen für die Terraforming des Mars haben im August 2018 einen erheblichen Dämpfer bekommen, denn Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass ein solches Unterfangen gegenwärtig für die Menschheit technisch unmöglich ist. Die Autoren Bruce Jakosky von der Universität of Colorado, Boulder, und Christopher Edwards von der Northern Arizona University kommen in einer von der NASA unterstützen Untersuchung zu dem Schluss, dass es mit dem heutigen Stand der Technik unmöglich ist, eine Atmosphäre auf dem Mars aufzubauen. Nach den neuesten Daten der Mars-Satelliten gibt es gibt einfach nicht genug Kohlenstoffdioxid, um eine ausreichende Erwärmung zu schaffen[7]. Man mag sich trösten mit der Aussage der Leiterein des NASA Astrobiology Institutes, Penelope Boston, die der Meinung ist, dass sich die Menschheit zu einer „multiplanetaren Spezies“ weiter entwickeln wird und die zum Thema „Terraforming des Mars“ folgendes meint: “ Das wird man kaum hier auf der Erde alles berechnen und den Menschen auf dem Mars in Form von Terraforming-Sets schicken können. Das wird vermutlich eine natürliche Weiterentwicklung durch die Menschen sein, die auf den Mars gehen und sich entscheiden, dort zu leben. Aus ethischer und politischer Hinsicht sollte die Entscheidung über ein Terraforming von den Leuten getroffen werden, die dabei am meisten zu verlieren haben – denen, die dauerhaft dort leben.“[8]
Jeder Weg beginnt mit einem ersten kleinen Schritt und den müsste die Menschheit erst einmal antreten. Dazu wird es kreative und risikobewusste Menschen brauchen wie Elon Musk von SpaceX, die in der Lage sind, wissenschaftlich-technische Revolutionen einzuleiten und durchzuhalten. Denn die Suche nach Leben auf dem Mars hat ja bereits zu konkreten Ergebnissen geführt, wie Ray Bradbury nach der Landung der ersten Roboter auf dem Mars, Viking 1 und Viking 2 im Jahre 1976, jubelte: „Heute haben wir den Mars berührt. Es gibt Leben auf dem Mars, und das sind wir…(…) Wir sind die Marsianer!“[9]
Menschen auf dem Mars
Im Sommer 2018 ist die geplante Landung von Menschen auf dem Mars noch völlig ungewiss. Sicher ist wohl, dass die bereits vor Jahrzehnten angedachten Raumflüge bemannter Mars-Missionen der NASA niemals stattfinden werden oder zumindest durch die jeweils herrschenden Politiker immer wieder verschoben, aufgehoben oder ganz gestrichen wurden. Alle zukünftigen Weltraummissionen sollen privatisiert werden. So bleibt nur der Blick auf diejenigen Privatunternehmen, die überhaupt technologisch gesehen in der Lage sind, ein solch gigantisches Unterfangen zu stemmen. Dabei geht es nicht nur um die technologischen Kapazitäten, sondern um die primäre Ressource – und das sind die benötigten immensen Finanzmittel. Zu diesem kleinen Kreis der in Frage kommenden Kandidaten gehören aktuell nur die beiden amerikanischen Unternehmen SpaceX und Boeing.
Die Vision von SpaceX lautet „Making Life Multiplanetary“ und ist die Hoffnung auf eine weltraumfahrende Zivilisation der Menschen. Die Marsmission von SpaceX lautet:
„Our aspirational goal is to send our first cargo mission to Mars in 2022. The objectives for the first mission will be to confirm water resources and identify hazards along with putting in place initial power, mining, and life support infrastructure. A second mission, with both cargo and crew, is targeted for 2024, with primary objectives of building a propellant depot and preparing for future crew flights. The ships from these initial missions will also serve as the beginnings of our first Mars base, from which we can build a thriving city and eventually a self-sustaining civilization on Mars.“[10]
Wenn es tatsächlich bei diesem ambitionierten Zeitplan bleiben sollte, könnte die Menschheit also im Jahre 2024 die ersten Menschen einer SpaceX Mission auf dem Mars sehen, vielleicht aber auch erst im Jahre 2030 oder noch später. Der Geschäftsführer von Boeing, Dennis Muilenburg, hat am 7. Dezember 2017 verkündet, dass die ersten Menschen auf dem Mars mit einem Raumschiff von Boeing einfliegen würden[11]. Auf der Webpage von Boeing wird gesagt, dass Boeing mit ihren sechzig Jahren an Erfahrung in Weltraummissionen die NASA bei einer Mars-Mission unterstützen wolle, ein Zeitplan wird nicht angegeben.
„NASA, and its partners, aim to extend human presence deeper into the solar system and to the surface of Mars. This vision challenges Boeing to leverage our six decades of human spaceflight experience to achieve a permanent – and steadily expanding – human presence in deep space.“[12]
Die private Initiative „Mars One“ sucht seit einigen Jahren Kandidatinnen und Kandidaten für einen Flug zum Mars ohne Wiederkehr. Angeblich sind 100 Kandidaten im Rennen für einen One-Way-Flug zum Mars, um dort eine Basis aufzubauen und dauerhaft auf dem Mars zu bleiben.
„Mars One aims to establish a permanent human settlement on Mars. Several unmanned missions will be completed, establishing a habitable settlement before carefully selected and trained crews will depart to Mars. Funding and implementing this plan will not be easy, it will be hard. The Mars One team, with its advisers and with established aerospace companies, will evaluate and mitigate risks and identify and overcome difficulties step by step. Mars One is a global initiative whose goal is to make this everyone’s mission to Mars, including yours. If we all work together, we can do this. We’re going to Mars. Come along!“[13]
Der Flug soll im Jahre 2026 starten. Die zeichnerische Umsetzung auf der Webpage sieht ein bisschen aus wie in den bekannten Science-Fiction Filmen, allerdings fehlt immer noch eine realistische Angabe der technologischen Umsetzung und so sieht diese Vision mehr aus wie ein Science-Fiction Abenteuer.
Science-Fiction Erzählungen über die Besiedlung des Mars gibt es schon sehr lange und immer wieder. Im April 2018 erscheint der Roman „One Way“ von S.J.Morden (Simon Morden, 2018), eine Erzählung über die Probleme von acht Astronauten beim Aufbau einer Station auf dem Mars und darauf folgenden mysteriösen Mordfällen. Unglücklicherweise sind die Astronauten allesamt Kriminelle und die Geschichte bewegt sich vom Aufbau der Station weg hin zu einer Kriminalgeschichte im Stil von Agatha Christies „And then there were none“ (1939, deutsch: Und dann gabs keines mehr). Immerhin: die Science-Fiction unterhält ihre Leserinnen und Leser mindestens ebenso sehr wie die privaten Raumfahrt-Unternehmen, die zur Zeit auch nur Visionen und Fiktionen liefern.
Die Non-Profit-Organisation „Mars Society“[14] engagiert sich für die Erforschung und Besiedlung des Mars, gegründet im Jahre 1998 unter Beteiligung prominenter Menschen wie James Cameron und Buzz Aldrin. Die Organisation gibt Informationsmaterialien heraus und betreibt eigene Projekte, zum Beispiel die Simulation von Mars-Habitaten in Utah und in der kanadischen Arktis auf der Devon-Insel. In Deutschland gibt es seit Oktober 2000 die „Mars Society Deutschland e.V.“[15].
[1] Emily Lakdawalla: Ein Roboter-Geologe für Mars. In: Spektrum der Wissenschaft 7.18, Seite 56-63.
[2] Emily Lakdawalla 2018, a.a.O. S. 57.
[3] Heise online 30.4.2018: ExoMars: Marssonde schickt Bilder vom Eis des Roten Planeten zur Erde. https://www.heise.de/newsticker/meldung/ExoMars-Marssonde-schickt-Bilder-von-Eis-des-Roten-Planeten-zur-Erde-4037904.html. Abgerufen am 1.5.2018.
[4] https://www.heise.de/newsticker/meldung/Ueberraschung-auf-dem-Mars-Forscher-finden-unterirdischen-See-4120565.html. Abgerufen am 26.7.2018.
[5] Süddeutsche Zeitung vom 26.7.2018, Nr. 170: Ein See auf dem Mars. Seite 14.
[6] http://www.spacex.com/mars. Abgerufen am 2.5.2018.
[7] https://www.heise.de/tp/features/Aus-Terraforming-des-Roten-Planeten-wird-vorerst-nichts-4124983.html. Abgerufen am 6.8.2018.
[8] Leonard David: Mars – Wie wir den roten Planeten besiedelten. 2017, Seite 171.
[9] Leonard David: Mars – Wie wir den roten Planeten besiedelten. 2017, Seite 255.
[10] https://www.spacex.com/mars. Abgerufen am 8.8.2018.
[11] https://www.space.com/39014-will-boeing-beat-spacex-to-mars.html. Abgerufen am 8.8.2018.
[12] http://beyondearth.com/path-to-mars/. Abgerufen am 8.8.2018.
[13] https://www.mars-one.com. Abgerufen am 8.8.2018.
[14] http://www.marssociety.org. Abgerufen am 13.8.2018.
[15] https://www.marssociety.de/de/. Abgerufen am 13.8.2018
Fritz Heidorn